Ein Tagebuch. Die Geschichte einer Beziehung und deren Ende, erzählt in kurzen Episoden zu jedem Tag einer dreiwöchigen Ferienreise. Caro und Freund Stephan sind in Brasilien, besuchen seine Familie. Sie sind seit zwölf Jahren ein Paar, haben sich im Teenageralter verliebt. Waren glücklich, irgendwann. Jetzt ist da, wo das Glück mal war, ein Loch, vielleicht ein Abgrund, von dem niemand weiss, woher er kam oder was er will. Caro sieht sich Brasilien und ihrer Umgebung ausgeliefert. Sieht zu, wie das Loch zwischen ihr und ihrem Freund grösser wird, immer weiter wächst, ihr ganzes Denken einnimmt. Das alles hält sie fest in Textform.
Leser werden ungewollt zu Voyeuren, begleiten Caro in intimen Momenten und stehen durch die unmittelbare Sprache der Tagebucheinträge mittendrin in beklemmenden Situationen. Caro beschreibt die Reise pragmatisch und im Detail. Das Erlebte steht dabei oft stellvertretend für die eigene Gefühlswelt, die sie zu verdrängen sucht. Sie ignoriert ihre Emotionen und damit die Realität, aus Angst vor dem was kommt und aus einem Unvermögen heraus, das Ende als solches zu akzeptieren.
Lieber ein Ende ↗
Autofiktionales Tagebuch, 2019
Textauszug Prolog «Vor Brasilien»
Montagabend. Ich winke den Teamkollegen, die noch mit vollen Biergläsern vor dem Restaurant stehen, zum Abschied. Zünde mir eine Zigarette an. Vinzent ist ein paar Schritte voraus, die Hände in den Hosentaschen, die Schultern hochgezogen, das Gesicht im Kragen versteckt. Eine Schildkröte, die jeden Moment den Kopf einzieht. Aldabra-Riesenschildkröten haben eine biegsame Wirbelsäule und können den Kopf gerade in den Panzer einziehen. Tiere mit so einer Wirbelsäule werden auch Halsberger genannt.
Schneeflocken landen in meinen Haaren, knirschen verhalten unter meinen Schuhen. Ich hake mich bei Vinzent unter. Er sagt nichts und neben uns rauscht der Fluss, der heute wenig Wasser führt, dafür umso mehr Treibgut. Wind bringt die Baumkronen durcheinander und meine Gedanken. In zwei Tagen bin ich auf einem anderen Kontinent. Mit meinem anderen Freund. Drei Wochen Brasilien. Sommer, Sonne und der ganze Kram. Ich will nicht gehen, sage ich und ziehe Vinzent an mich.
Mitja bellt lange bevor ich den Schlüssel im Schloss drehe. Hat gehört, wie ich im Treppenhaus gestolpert bin und wie ich mich (laut fluchend) darüber aufgeregt habe. Mit wedelndem Schwanz läuft er auf mich zu, wirft sich auf meine Füsse. Wie er es immer tut. Ich setze mich auf den Boden oder lasse mich fallen und kraule ihm den Hals. Vinzent füllt den Wasserkocher, stellt zwei Tassen auf den Tresen. Das wird wieder mit Stephan und dir. Sagt er. Die Ferien werden das regeln und keine Sorge und überhaupt. Er grinst mich an, mit diesem breiten Grinsen, das die Lachfalten um seine Augen betont. Einen Moment lang vergesse ich, dass ich wütend bin. Das wünschst du dir. Sage ich dann und versuche den Hund anzuleinen, während er übermotiviert an mir hochspringt. Der Halsberger giesst Kamillentee auf und zieht den Kopf langsam zurück in seinen Panzer.
Lieber ein Ende ↗
Autofiktionales Tagebuch, 2019
Textauszug Kapitel 1 «Brasilien»
Freitagnacht. Stephan liegt auf dem Rücken und schnarcht. Beim Einatmen produziert seine verstopfte Nase dieses klassische Rattern, das an eine Motorsäge erinnert, beim Ausatmen ein Pfeiffen, ähnlich dem Geräusch, das Pfeiffhasen machen, wenn sie ihren Clan vor nahender Gefahr warnen. Durch das engmaschige Moskitonetz vor dem Fenster dringt nur wenig frische Luft – das Zimmer stinkt nach Schweiss und alkoholischen Ausdünstungen –, und kaum ein Lichtstrahl, so dass ich die Tür links von mir nur knapp ausmachen kann. Mein Urin riecht sauer, die Haare bestehen aus Zigaretten, der Mund ist Asche. Ich öffne das Fenster im Bad und blockiere die Tür zum Schlafzimmer mit einem Flipflop, zwecks Luftzirkulation.
Stephan ist noch immer ein Pfeiffhase, also drehe ich ihn, unter Aufwendung meiner ganzen Körperkraft, auf die von mir abgewandte Seite. Und er dreht sich direkt wieder um, zieht mich an sich. Seine Brusthaare kitzeln meinen nackten Rücken. Er atmet ruhig, pfeifft jetzt leiser und nur bei jedem dritten Atemzug. Und ich spüre, wie sich Tränen in meinen Augen sammeln, kleine Seen bilden, überlaufen. Spüre, wie das Kopfkissen, in seiner neuen Rolle als Schwamm aufgeht, sich vollsaugt mit der Flüssigkeit, die mein vom Alkohol ausgetrockneter Körper besser behalten würde.
Lieber ein Ende ↗
Autofiktionales Tagebuch, 2019
Textauszug Kapitel 1 «Brasilien»
Samstagnachmitag. Der Tisch ist klebrig, die Süsskartoffel-Pommes riechen nach altem Frittieröl. Ich picke wahllos zwei, drei aus dem Einwegteller, tunke sie in Ketchup, spüle mit Bier. Mir gegenüber tut Stephan das Gleiche. Ich würde gern mit ihm reden. Mit ihm Wörter austauschen, mit Wörtern das Loch stopfen, das sich (lange unbemerkt) zwischen uns aufgetan hat. Aber sowie ich den Mund öffne, fallen sämtliche Wörter stumm aus diesem heraus, liegen dann so am Boden neben dem Loch. Und meine Hand, im Versuch zu helfen, greift nach mehr Pommes.
Die Strandbar ist überdacht und laut. Kinder springen um klebrige Tische über klebrigen Boden, während die Eltern sich biertrinkend nicht unterhalten. Katanka: Esporte & Lounge steht in riesigen Buchstaben an der Wand – man könnte sonst vergessen, wo man sich befindet – und vermietet wird alles, was irgendwie mit Wasser zu tun hat.
Vor der Bar wartet ein Rasen, der früher mal grün war, Gabriela und Eustáquia sonnen sich auf Liegestühlen. Clara und Arthur ringen auf einem schwimmenden Steg im Wasser. Touristen pumpen ein Stand up Paddle auf. Der See ist blau. Sehr blau, gibt sein Bestes. Ob ich die Pommes noch esse. Fragt Manoel. Der jetzt neben mir steht. Er schwitzt in sein weisses T-Shirt. Ich greife nach meiner Canon (5D, Mark II) und überlasse ihm den Stuhl.
Menschen auf Stand Up Paddlen sind mir suspekt. Sie stehen so da, diese Menschen mit ihren Schwimmwesten und dem sich abzeichnenden Sonnenbrand, und heissen Mark oder Sara (ohne H). Unbeholfen auf einem aufblasbaren Stück Plastik, wedeln mit dem Paddle, bemüht ein Gleichgewicht herzustellen, das sie noch nie hatten. Arthur winkt vom Ende des Stegs und ich bewege mich vorsichtig über den nassen Untergrund – der sich willenlos mit den Wellen auf und ab bewegt –, mache dabei Fotos von Clara, die sichtlich gern für mich posiert. Sie und ihr Bruder sehen sich ähnlich. Gross gewachsen, sportlich. Die dunkelbraunen Haare zeigen helle Reflexe in der Sonne. Und beide bewegen sich so, wie es nur Menschen tun, die wissen, dass sie besser aussehen, als die meisten ihrer Artgenossen. Ähnlichkeit zum Vater sehe ich kaum, hat Manoel doch weder die gute Statur, noch die Haare. Clara dreht sich auf den Bauch, stützt den Kopf in die Hände, sieht aus wie das Cover eines Beauty-Magazins: 10 Tipps für kalorienarme Sommer-Snacks. Ich übergebe meine Süsskartoffel-Pommes dem Wasser.
Kim Corti
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